Frau und Mann rücken an rücken

Migräne-Prävalenz: Der Gender-Gap

75 % der Migränepatient:innen sind Frauen.[1] Die Migräneprävalenz zeigt bei Frauen einen deutlichen Anstieg nach dem Einsetzen der ersten Periode und einen allmählichen Rückgang nach der natürlichen Menopause. Warum besteht dieser Geschlechterunterschied? Hier mehr erfahren!

Etwa 15 % der Weltbevölkerung sind von Migräne betroffen, was zu beträchtlichen sozioökonomischen Belastungen führt.1 Die Prävalenz von Migräne ist jedoch zwischen den Geschlechtern ungleichmäßig verteilt. Bis zum Alter der Pubertät zeigt sich eine ähnliche, vergleichsweise niedrige Prävalenz zwischen Jungen und Mädchen. Nach der Pubertät zeigt sich dann jedoch ein klarer Trend bei der geschlechtsspezifischen Krankheitslast. Mit einem stärkeren Anstieg der Prävalenz bei Frauen, nimmt die Migränehäufigkeit mit dem Alter zu und erreicht ihren Höchststand zwischen dem 30. und 39. Lebensjahr.2 Hier tritt die Migräne bei Frauen zwei- bis dreimal häufiger auf als bei Männern (Abb. 1).1,2

Darüber hinaus weist Migräne bei Frauen im Vergleich zu Männern eine ausgeprägtere Symptomatik auf und geht mit stärkeren Beeinträchtigungen und infolgedessen einer höheren Inanspruchnahme von
Gesundheitsleistungen einher.3 Die erheblich höhere Prävalenz von Migräne bei Frauen, insbesondere nach der Menarche,1 drängt die Frage auf: Warum sind Frauen wesentlich häufiger von Migräne betroffen als Männer?

Abbildung 1: Globale altersstandardisierte Punktprävalenz der Migräne bei Männern und Frauen. Modifiziert nach Vetvik et al 2017 2.

Die Aktivierung des trigeminovaskulären Systems spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung einer Migräneattacke.1 Die Aktivierung dieses Systems führt u.a. zur Freisetzung von Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), was wiederum eine Vasodilatation, eine weitere Trigeminus-Stimulation und die Weiterleitung von nozizeptiven Impulsen zur Folge hat (Abb. 2).


Der CGRP-Spiegel im Plasma unterscheidet sich bei den Geschlechtern (sowie in verschiedenen Lebensabschnitten): In der gesunden Bevölkerung ist der CGRP-Plasmaspiegel bei Frauen im Vergleich zu Männern deutlich höher.1 Bei Migränepatientinnen variiert die Frequenz der Attacken im Verlauf des Menstruationszyklus, während der Schwangerschaft, der Wochenbettperiode sowie der Perimenopause.4 In Zusammenschau der dargelegten Fakten stellt sich die Frage: Warum hängt die Häufigkeit von Migräne nicht nur vom Geschlecht, sondern auch von der Phase des weiblichen Lebenszyklus ab?

Abbildung 2: Vereinfachte Darstellung der Migräne-Pathophysiologie durch Freisetzung von CGRP. Modifiziert nach Russel et al 2014 7.

Es gibt Hinweise auf einen engen Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und Migräne bei Frauen.4 Die Art und Weise, wie Hormone die Entstehung von Migräne beeinflussen, ist jedoch noch nicht gänzlich geklärt.

Östrogen beeinflusst das Auftreten von Migräneanfällen bei Frauen mit einer Disposition für Migräne wesentlich.4 Die sogenannte Östrogenentzugshypothese besagt, dass ein Abfall des Östrogenspiegels während der Lutealphase (prämenstruelle Phase) mit einer erhöhten Prävalenz von Migräneanfällen bei
menstruierenden Frauen verbunden ist (Abb. 3).4 Bei der Migräne ohne Aura, der häufigsten Form der Migräne, ist das Anfallsrisiko für Frauen um die Zeit der Menstruation am größten.4 Schätzungen über den Prozentsatz der Frauen mit Migräne, die auch unter einer Form von menstrueller Migräne leiden, reichen von 22 bis 70 %.5

In der Pathophysiologie der Migräne wurde Östrogen mit CGRP in Verbindung gebracht.6 Zudem werden Östrogenrezeptoren in CGRP-positiven Neuronen im trigeminovaskulären System in hohem Maße exprimiert und hormonelle Schwankungen können deren Erregbarkeit modulieren. Die vorliegenden Beobachtungen legen einen engen Zusammenhang zwischen Östrogenschwankungen und Migräne bei Frauen nahe.

Daneben könnten auch andere Sexualhormone einen Einfluss auf Migräneattacken bei Frauen haben 4.

  • Aktuell wird davon ausgegangen, dass Progesteron an dem Auslösen einer Migräneattacke nicht wesentlich beteiligt ist. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Progesteron die Nozizeption in der Nervus trigeminus-Bahn unterdrücken kann und daher ein Abfall des Progesterons rund um die Menstruation mit erhöhter Intensität von Migräne während der Menstruation in Zusammenhang stehen könnte.

  • Oxytocin könnte hingegen der Vorbeugung von Migräne dienen.4 Die Konzentration des Hormons Oxytocin steht in Zusammenhang mit dem Spiegel an Östrogenen während eines Menstruationszyklus, d.h. ein Abfall des Östrogenspiegels geht mit einem Abfall des Oxytocinspiegel einher (Abb. 3). Zudem ist der Oxytocin-Rezeptor im Ganglion trigeminale und in migränebezogenen Hirnregionen exprimiert, was darauf hindeuten könnte, dass Oxytocin auch einen Einfluss auf die Pathophysiologie der Migräne hat.

  • Vasopressin, Prolaktin und Orexin, deren Regulation ebenso durch Östrogen erfolgt, weisen auch antinozizeptive Wirkungen auf.4 Allerdings ist über die Beteiligung dieser Hormone nur wenig bekannt, weitere Forschungen in diesem Bereich könnten aber neue therapeutische Ziele aufzeigen.

Abbildung 3: Auftreten von Migräne und Schwankungen des Hormonspiegels im Blut während des Menstruationszyklus. Modifiziert nach Krause et al 2021.4

Ab der Pubertät nehmen die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Prävalenz und der Beeinträchtigung durch Migräne zu.2,3 Um diesen Gender-Gap bei der Migräne zu schließen und die Behandlung der Migräne insbesondere bei Frauen zu verbessern, sind weitere Studien erforderlich, die die Daten nach Geschlecht getrennt analysieren.

Quellen

© Lilly und Organon. Alle Rechte vorbehalten. EMGALITY, LILLY und das LILLY-Logo sind eingetragene Marken von Eli Lilly and Company. ORGANON und das ORGANON-Logo sind eingetragene Marken von N.V. Organon

PP-GZ-DE-2024 | DE-EMG-110073

  1. de Vries Lentsch S et al. Changing levels of sex hormones and calcitonin gene-related peptide (CGRP)during a woman’s life: Implications for the efficacy and safety of novel antimigraine medications. Maturitas. 2021;145:73-77.
  2. Vetvik KG et al. Sex differences in the epidemiology, clinical features, and pathophysiology of migraine. Lancet Neurol. 2017;16:76-87.
  3. Buse DC et al. Sex Differences in the Prevalence, Symptoms, and Associated Features of Migraine, Probable Migraine and Other Severe Headache: Results of the American Migraine Prevalence and Prevention (AMPP) Study. Headache. 2013;53(8):1278-1299.
  4. Krause DN et al. Hormonal influences in migraine—interactions of oestrogen, oxytocin, and CGRP. Nat Rev Neurol. 2021;17(10):621-633.
  5. MacGregor EA et al. Effect of galcanezumab in women with episodic migraine meeting criteria for menstrually related migraine: A post hoc analysis of EVOLVE-1 and EVOLVE-2. Headache. 2023;64:179- 187.
  6. Rafaelli B et al. Sex Hormones and Cacitonin Gene-Related Peptide in Women with Migraine. Neurology. 2023;100:e1825-e1835.
  7. Russell FA et al. Calcitonin Gene-Related Peptide: Physiology and Pathophysiology. Physiol Rev. 2014;94:1099-1142.
DE-EMG-110073 | PP-GZ-DE-2024